„Mehr als kalte Füße“ – Eine Fortsetzungsgeschichte: Teil VII

87492_web_R_K_B_by_Uwe-Weber_pixelio.de_copyright

In dieser Nacht träume ich es schon wieder. Selten kann ich mich tags drauf an meine nächtlichen Träume erinnern. Aber dieser eine Traum ist greifbar, ganz real, sehr detailliert, und ich erinnere mich morgens noch an jede einzelne Kleinigkeit. Selbst, wenn ich mich im Traum kneife, habe ich das Gefühl: Jawoll, genau das passiert gerade. Ich träume von einer Reise nach Sylt. Einer Reise, die irgendwie nie zu Ende ist.  Der Traum kommt seit Jahren und zieht mich in seinen Bann. Mal macht er monatelang Pause, ist am anderen Ende der Welt. Abgetaucht und ganz versteckt.

Um dann doch wieder, ohne jede Vorwarnung wiederzukehren, und mich irgendwann im Morgengrauen mit klopfendem Herzen aufzuwecken. Im Traum schlängelt sich der Zug mit mir durch die Landschaft. Die Fahrt scheint endlos. Bis ich nach stundenlangen Umwegen irgendwie dann doch endlich in Westerland eintreffe. Kaum bin ich dort angekommen, soll die Rückreise auch nun schon bald wieder starten. Ich habe das Gefühl, bis dahin jedoch auf der Insel noch viele Aufgaben erledigen zu müssen, mir wichtige Orte unbedingt zu besuchen, um bloß nichts zu verpassen…

Den Traum habe ich mittlerweile irgendwie mit in die Realität genommen. Wenn ich nicht auf der Insel bin, ergreift mich die Sehnsucht, und treibt mich immer wieder her. Bin ich hier, so tauche ich in mein wahres Selbst ein. Fühle mich ruhig, getröstet, geborgen. Und will mir unbedingt und sofort alles ansehen, alle mir wichtigen Orte besuchen und erspüren. Ich stehe in der Küche, und kühle mit dem Rest der frischen Milch meine Gedanken. Der offen stehende Kühlschrank wirft ein diffuses Licht in den Raum. Was ist unerledigt, was ist unaufschiebbar, und vor allem: was hat das Ganze mit Sylt zu tun? Ich nehme einen weiteren Schluck, trete den Rückweg zum Schlafzimmer an, und klaue im Vorbeigehen noch flott zwei Erdbeeren aus der Schale. Nichts mehr aufschieben. Was getan ist, ist getan. Jeden Moment nutzen und mit Inhalt füllen.

So ist es mir auch ganz wichtig, gleich morgen die noch „fehlende“ Wandertour Keitum-Morsum anzugehen. Es ist wundervolles Wetter vorhergesagt. Warme 20-22 Grad, leichter Nord-West-Wind. Wir sollten vielleicht direkt nach dem Frühstück mit dem Rad vom Ferienhaus aus nach Keitum fahren, und in der Kleinen Teestube auf eine Stärkung einkehren. Im Anschluss von dort aus über Gaat und Koogstraße runter zum südlichen Ortszipfel fahren, dort die Räder parken und den Fußmarsch nach Morsum antreten. Notfalls können wir für die spätere Rückfahrt nach Keitum immer noch den Bus nehmen. Guter Plan. Zufrieden lächelnd kuschle ich mich zurück in die Kissen und falle in einen nun traumlosen Schlaf.  

Als ich erwache ist der Raum von Sonnenlicht erfüllt. Die Strahlen haben mich sicher auch wachgekitzelt. Sylter Urlaubstag, ich komme!!! Genüsslich strecke ich mich, dehne die Muskeln einzeln und ausgiebig. Drehe mich dann zur linken Seite, um mir einen Guten-Morgen-Kuss abzuholen. DAS Highlight eines jeden Morgens. Das Bett ist leer. Erstaunt blicke ich mich im Zimmer suchend um. Keine Spur von Arne. Das ist ja ein Ding, ist er doch so gut wie nie vor mir wach, und freut sich meistens eher über einen Schlaf-Nachschlag. Ich schau auf die Uhr, und erschrecke. Der kleine Zeiger steht unnachgiebig nahe an der Zwölf. Das darf doch nicht wahr sein – ich habe den halben Tag verpennt! Schnell werfe ich mir den Seiden-Kimono über, und mache mich auf den kurzen Weg in die Küche. „Guten Mittag, Frau Langschläferin“ neckt mich Arne und zieht mich gekonnt an sich. Da hilft auch kein protestieren: gerade möchte ich mich energisch bei ihm beschweren, weil er mich nicht geweckt hat, und so der halbe Tag flöten ging, als ich hinter ihm einen perfekt gedeckten Frühstückstisch erblicke. Ich muss gar nichts mehr tun. Es fehlt an nichts, alles da: herrlich-knusprige Crossaints, Keitumer Ziegenkäse, Himbeer-Marmelade, sogar Syltella (!), Orangensaft, der offensichtlich sogar frischgepresst ist, und eine große Platte Tomaten mit Schnittlauch. Eine Tafelkerze ist angezündet, und der Tisch festlich gedeckt. „Habe ich meinen Geburtstag oder sonst was vergessen?“ Arne grinst nur und vertröstet mich auf später. „Einfach nur mal genießen und gut gehen lassen. Das gehört zu unserem Sylt-Urlaub, hörst Du! Und dann darf man auch mal Schlaf nachholen.“ Er hat ja recht. In den letzten arbeitsreichen Wochen war an Schlaf oder gar ausschlafen nicht zu denken. Und wenn ich in mich rein fühle, geht’s mir gerade nun richtig gut. Der kurze Ärger über die vermeintliche „Sylt-Zeitverschwendung“ durch das lange Schlafen ist verflogen und ich freue mich einfach mal darauf, in den Tag hinein leben zu dürfen.

Eine Stunde später strampeln wir emsig die Anhöhe nach Kampen hoch, sind mit den Fahrrädern auf dem Weg nach Keitum. Von dort aus wollen wir dann per pedes unsere einzig noch fehlende Wanderstrecke nach Morsum starten. Dann haben wir in einigen Etappen die komplette Insel an den Küstenlinien erwandert! In Vorfreude auf den Marsch trete ich in die Pedale, genieße den lauen Fahrtwind, der sogar mitten im Ort immer noch salzig nach Meer durftet. Ich fühle mich so was von zuhause und bei mir angekommen. Als wir Munkmarsch erreichen, halten wir an, schließen die Räder an, und gehen den kurzen Fußweg vom Hafen aus zum Restaurant „Zur Mühle“ entlang. Kurzentschlossen wollen wir hier eine Fischsuppe essen, um uns für den anschließenden Marsch zu stärken. Auf Kaffee und Kuchen in Keitum wie ursprünglich geplant, haben wir beide noch keinen Appetit. Das Frühstück ist ja heute dank Arne eher „süß“ ausgefallen, und nun ist eher was Deftiges angesagt. Wir erblicken gleichzeitig einen freien Strandkorb auf der seitlich gelegenen Terrasse und lassen uns zufrieden in die Kissen fallen. Die Bedienung kommt schnell herbei und wir ordern zwei Radler (wie passend…) und zweimal Fischsuppe mit Brot. Die Mittagssonne spiegelt sich in der Blidselbucht. Das Leben kann so schön sein.

www.sylter-ring-atelier.de