„Mehr als kalte Füße“: Eine Fortsetzungsgeschichte – Teil V

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Dem weiteren Straßenverlauf folgend, entdecken wir, dass kurz vor Voigt´s Alte Backstube liegend sogar schon das neue Mylin-Haus mit Geschäften und Wohnungen bezogen worden ist. Mensch, wir waren echt lange nicht mehr hier. „Sylter Eis-Manufaktur“ kann ich auf einem der Ladenschilder im vorbeifahren noch flott lesen. Unschwer anhand der langen erwartungsvoll blickenden Menschenschlange vor der Eistheke zu erkennen, dass es hier wohl ganz was Besonderes geben muss. Ein Laden ganz nach unserem Geschmack also! Nach wenigen hundert Metern biegen wir den uns schon sehr vertrauten Weg nach Mellhörn ab.

Erklimmen die Düne. Unser Volvo-Schätzchen ächzt auf den letzten Metern der kurzen aber heftigen Steigung. Das Gästehaus Blidselbucht liegt wie hingeküsst auf der zweithöchsten Düne von List und ich bin selig endlich wieder hier zu sein. Mit gekonntem Griff schnappt sich Arne die ersten beiden unserer Taschen aus dem Kofferraum, und gibt mir zu verstehen, dass ich von Gepäck unbelastet die Türe aufschließen darf. Mein Kavalier… Das Panorama-Terrassenfenster ist gekippt, lässt die schöne, großzügig geschnittene Wohnung von frischer Küstenluft durchfluten, und gewährt bereits beim eintreten freien Blick auf die einmalige Blidselbucht, die dem Haus seinen Namen gab. Ich schreite schnellen Schrittes durch Flur und das angrenzendes Wohnzimmer.

Arne lässt die Taschen an der Garderobe fallen und folgt mir. Schon hebt  er mich hoch, wirbelt mich herum, und versichert mir zwischen zwei Küssen dass er gewillt ist, nun die Zeit für uns anzuhalten. Zum ersten richtungsweisenden Zeichen der nun beginnenden Entschleunigung schalten wir beide demonstrativ unsere Mobil-Telefone aus, nachdem wir Tessa in der Dance-Academy und natürlich auch beiden Elternpaaren Bescheid von unserem glücklichen Ankommen auf Sylt gegeben haben.

Arne öffnet eine der Weinflaschen, schenkt zwei Gläser ein, zündet die Kerze auf dem Wohnzimmertisch an und streicht mir eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Weißt Du Emma, nach all den Monaten im ständigen Trubel möchte ich jetzt am liebsten mit Dir einfach nur alleine sein. Keine nervigen Agenten, keine Pressekonferenz. Und erst recht keine endlosen Budgetverhandlungen. Lass uns einander versprechen, mal ein paar Tage nicht über die Academy und allem was dazugehört zu sprechen. Lass uns leben. Lass uns unsere Liebe feiern. Hier auf unserer Insel!“ Gute zwei Stunden später schlendern wir Hand in Hand am Ostufer Richtung Süderheidetal. Das Wasser hat sich erneut zurückgezogen und gibt die Schätze des Wattenmeeres preis. Wir sind bewaffnet mit zwei Stoffbeuteln, die mittlerweile schon einige besonders schöne Muscheln tragen dürfen.

Wir erkennen das Festland in der Ferne, das weiter zurückliegende Wasser glitzert dramatisch-schön und reflektiert das Licht. Einfach nur ein ganz perfekter Tag! Wir genießen den Spaziergang zu zweit und erzählen uns gegenseitig von unseren Unbedingt-haben-wollen-Wünschen für unsere gerade beginnende Sylt-Zeit. Beide wollen wir unbedingt einen kompletten Tag am Ellenbogen-Strand verbringen. Zudem endlich die auf unserer Wanderliste noch fehlende Strecke von Keitum nach Morsum an der südlichen Wattseite nachholen. Und natürlich ganz viel Eis essen. Ich weiß auch schon wo.

Von der strahlenden Nachmittagssonne beschwingt erklimmen wir später den kleinen Verbindungsweg hoch zur Straße nach List, und der Bushaltestelle, an der wir schweigend einige Minuten auf die Linie 1 warten. Der Bus ist recht gut gefüllt, und wir ergattern nur noch Stehplätze. Eine wild durcheinander quasselnde Schulklasse, die wohl zum Lister Hafen will, wird von zwei ziemlich überfordernden  „Lehrkörpern“ mehr oder weniger im Zaum gehalten, während der Bus nach der links liegengelassenen Abbiege zum Ellenbogen die letzten zwei Kilometer in den Ort zurückfährt. Bei der Haltestelle Mellhörn verlassen wir das fahrende Klassenzimmer und gehen die wenigen Schritte zum Haus zurück.

Die Fischfilets sind schnell zubereitet. Den Salat schnibbeln wir in Gemeinschaftsarbeit, bevor Arne schon mal den Tisch deckt und die zweite Weinflasche öffnet. Der Himmel färbt sich langsam schon orange, als wir nach Genuss der Cappuccinocreme nach draußen auf die Terrasse treten. Wir gehen den kurzen Weg zur weißgestrichenen Bank, die direkt an der Dünenkante steht. Ich lasse mich neben Arne nieder und wir kuscheln uns aneinander, blicken andächtig in die Ferne und sind aufs Neue überwältigt von der gigantischen Aussicht. Auf der einen Seite zu den Lister Wanderdünen, können wir mit Blick zum Wattenmeer den Küstenverlauf über die gesamte Blidselbucht über Kampen bis nach Keitum und weiter nach Morsum sehen. Sylt – Tag 1.