Mehr als kalte Füße – Eine Fortsetzungsgeschichte: Teil II

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Ich will Meer riechen und kann es kaum mehr erwarten. Kurbele das Fenster im alten Volvo runter und halte genussvoll die Nase in den Wind. Wie schön, dass zumindest in unserem Wagen nicht alles nur noch elektrisch geht. Manchmal ist eben der Weg das Ziel, und die Entdeckung der Langsamkeit der größte Genuss. Auch ein Grund, weshalb wir am liebsten mit der Fähre auf „unsere“ Insel reisen. Man hat von Bord aus lange das Ziel vor Augen, darf den Moment des Erreichens wahrlich erleben und zelebrieren. Neben den vielen praktischen Gründen, dass man sich, ganz wie man will, die Füße vertreten, oder in aller Ruhe einen Kaffee trinken kann, während uns das Stahlkoloss, was uns im Hafen von Havneby verschluckt, und später in List wieder ausspeien wird, unsere geliebte Insel mit jeder Welle näher und näher bringt.

 Aber auch von der Weitläufigkeit der Insel Rømø bin ich immer wieder fasziniert. Die südlichste dänische Nordsee-Insel ist um ein Drittel flächiger als Sylt, zählt jedoch nur rund 700 Einwohner. Ein absoluter Rückzugsort, was von den umwerfend breiten Stränden im Süden nur noch unterstrichen wird. Hier kann man wirklich mal abtauchen und für sich sein. Ein Gefühl, was ich sonst nur von ausgedehnten Spaziergängen an der Wattseite zwischen Rantum und Hörnum, oder an Wintertagen auch vom Sylter Ellenbogen her kenne. Wir fahren die rund 9 km über den Rømø-Damm und ich freu mich, dass dies in unserem Tempo passieren darf. Kein Drängler hinter uns, und nach vorne hin freie Sicht. Nach wenigen Minuten setzt Arne den Blinker und unser in die Jahre gekommener Wagen wird von ihm über den knirschenden Kies der Einfahrt gelenkt. „Emma, wir haben noch fast eine halbe Stunde Zeit, bis die Fähre ablegt. Komm, lass sie uns endlich wieder mal besuchen“. Arne öffnet mir die Beifahrertüre und zieht mich an sich. „Willkommen auf Rømø – vor sich sehen Sie die wunderschöne, dem Schutzheiligen der Seefahrer Sankt Clemens geweihte  Rømø-Kirke aus dem Jahr 1200.“ Mit der angemessen nötigen Ehrfurcht blicke ich auf den erhabenen weißen Bau, dem Wahrzeichen der Insel in der Ortschaft Kirkeby, die nach dem ursprünglichen Bau im 13. Jahrhundert im 17. und 18. Jahrhundert ausgebaut wurde. Wir betreten den Kirchenraum durch das Portal und genießen die angenehme Kühle im Innern. Es ist ganz still und wir sind die einzigen Besucher. Die Bänke sind zumeist als Abteile voneinander getrennt, und mit Familiennamen gekennzeichnet. Wir fühlen uns zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit, und wagen nicht, die Bänke zu betreten. Still und in ein Gebet versunken verharren wir einige Minuten, bevor das sich von außen öffnende Portal und die nun hereinscheinenden Sonnenstrahlen uns ins hier und jetzt zurückbringen. Eine junge Familie betritt den Kirchenraum und die beiden schon größeren Kinder bewundern staunend die kostbaren Schiffsmodelle aus der Walfangzeit, die es dort zu entdecken gibt. Arne ergreift meine Hand, küsst jede Fingerkuppe einzeln, und führt mich zurück nach draußen. „Meine Liebe, auf zur Fähre, Sylt ruft!“

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